Sprechblase: "Wie ist die Lage?" Schrift: Der fast tägliche Podcast mit Lars Meier

Transkript Podcast “Wie ist die Lage?”

Im Podcast „Wie ist die Lage?“ sprach der Hamburger PR-Profi Lars Meier
am 20.07.2021 mit An­dreas Rothe vom equalizent Social Franchise.

Hier geht es für Hörende direkt zum Audio-Podcast.

Ein Teil des Interviews wurde auch in der Hamburger Morgenpost (MoPo) abgedruckt und veröffentlicht:


Es folgt das komplette Transkript, um die vollständige Folge gehörlosen Personen zugänglich zu machen.  

Lars Meier: Heute befrage ich Andreas Rothe von equalizent. Ahoi, Andreas.

Andreas Rothe: Ahoi.

Lars: Lieber Andreas, wir sprechen heute über deine Firma equalizent, die Hörenden Gebärdensprache beibringt und gehörlosen Menschen auch hier weiter hilft. Corona hat auf so vieles in unserem Leben Einfluss genommen. Auch auf Gehörlose oder auf eure Firma? Seid ihr von der Krise betreffen.

Andreas: Ja, klar. Jeder ist glaube ich davon betroffen. Bei uns ist es so, dass es „equalizent“ schon seit 17 Jahren in Wien gab und dort schon sehr viel Aktivitäten liefen, und dass dann eben der Schritt gesetzt wurde, mit einem Social Franchise jetzt auch nach Deutschland zu gehen. Das wurde vorbereitet, die Ärmel wurden raufgekrempelt, und dann sollte es 2020 so richtig losgehen. Dann kam Corona und plötzlich konnte man sich nicht mehr treffen und mit potenziellen Partnern austauschen. Das hat uns natürlich schon getroffen. Es beeinflusst aber auch den Alltag. Wir bieten Schulungen für gehörlose Menschen in Gebärdensprache an, viel berufsvorbereitende Schulungen, und das findet natürlich normalerweise live vor Ort statt, wo man sich persönlich auch austauschen kann. Glücklicherweise hatten wir schon Erfahrung mit digitalen und hybriden Lösungen, einfach weil wir uns in die Welt hineingefuchst haben der digitalen Möglichkeiten, aber es hat schon dazu geführt, dass wir ganz anders schauen mussten, wie wir über Wochen und Monate digital tätig sein können.

Lars: Haben sich daraus, wie in vielen Bereichen, neue Geschäftsmodelle entwickelt?

Andreas: Es ist einfach eine Ergänzung, die wir jetzt haben. Wir glauben weiterhin, dass es das Beste ist, Schulungen vor Ort für gehörlose Menschen in Gebärdensprache durchzuführen. Gebärdensprache ist die Erstsprache gehörloser Menschen und lässt sich am besten vor Ort umsetzen. Wenn man Gebärdensprache nicht kennt: Es ist natürlich eine visuelle Sprache, in der man Hände, Körper und Mimik verwendet. Der Raum ist dabei wichtig, und das ist über Zoom natürlich schwieriger, wenn alles nur 2D ist. Aber natürlich gibt es Möglichkeiten. Gewisse Einheiten kann man auch digital machen. Nicht zuletzt auch den Austausch zwischen Wien und Hamburg. Da ist es schon von Vorteil, wenn man nicht jedes Mal reisen muss, testen muss und so weiter.

Lars: Wie ist das denn im Normalfall, die Gruppengröße, kann ich mir da eine ganze Klasse mit 30 Leuten vorstellen oder ist das tatsächlich ja viel intensiver und die Gruppen kleiner?

Andreas: Genau, viele Gruppen bewegen sich zwischen 6 und 12 Personen, vor allem bei den Schulungen für die Gehörlosen, damit man auf die Teilnehmenden individuell eingehen kann und auch Austausch haben kann. Generell ist es aber natürlich auch so, das ist eine kleine Gruppe, Gehörlose gibt es nicht wahnsinnig viele. Dementsprechend ist die Gruppengröße natürlich einerseits dem Austausch geschuldet, aber andererseits auch dem dass es eine linguistische Minderheit, sprachliche Minderheit ist für die wir eben in Hamburg Angebote in Deutscher Gebärdensprache haben.

Lars: Wie ist das denn jetzt für mich, der ja Gott sei Dank einigermaßen Gehör hat, wenn ich jetzt sage, ich möchte die Gebärdensprache lernen, egal ob ich sprachtalentiert bin oder nicht, wie schwierig ist das denn am Ende? Wie weit bin ich dann man nach einem halben Jahr, wie kann ich mich da unterhalten im Normalfall?

Andreas: Das hängt davon ab, welche Gebärdensprach-Schulung man macht. Es gibt die Klassiker, wo man einmal die Woche abends hingeht, aber auch Intensivschulungen, wo man sich wirklich durchgehend damit beschäftigt, wo man dann eher das Ziel hat auch wirklich mit Gebärdensprachen zu arbeiten. Es ist recht abhängig davon. Den Vorteil, den du hättest als hörende Person, wenn du mit Gehörlosen kommunizierst, ist, dass sie schon gelernt haben, mit den Unzulänglichkeiten von uns Hörenden in der Gebärdensprache umzugehen. Wenn du mal einen Fehler machst, etwas falsch gebärdest oder die Grammatik verhaut, die eine andere ist als in der deutschen Lautsprache, sind sie da oft nachsichtig und verstehen dich trotzdem.

Lars: Warum habt ihr euch jetzt aus Wien heraus überlegt: Hamburg ist es? Gibt es da so eine Marktanalyse oder wie stellt man das überhaupt fest, wie viele Gehörlose es gibt, gibt es da Informationen von der Krankenkasse oder wie funktioniert das?

Andreas: Das ist natürlich. ein bisschen schwierig, weil man aus Datenschutzgründen nicht an alle Informationen kommt. Das ist ja einerseits richtig und wichtig, dass es den Datenschutz gibt, andererseits ist es dann natürlich schwierig zu sagen: Es gibt diese Zielgruppe und sie hat diesen Bedarf. Das dann auch zu zeigen, da muss man meistens die Zahlen aus allen Ecken und Enden zusammentragen, zum Beispiel über Kontakte zum Gehörlosenbund und ähnliches, über Kontakte in die Community hinein, über Erfahrungen auch mit den Partnern, mit denen wir in Hamburg arbeiten. Wir haben uns ja nicht einfach in den Zug nach Hamburg gesetzt, sondern arbeiten hier mit einem bestehenden Partner dort, ausblick hamburg, der da in diesem Bereich schon grundsätzlich tätig war, nur noch nicht in der Tiefe. Generell ist bei Hamburg als Großstadt und im umliegenden Gebiet ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Gehörlose dort sind. Gehörlose zieht es auch häufig in Zentren, weil da sind dann viele andere Gehörlose auch, da sind andere Leute, die Gebärdensprache können, da sind generell auch eher Jobchancen, das ist glaube ich ganz wichtig. Wenn ich jetzt immer über Gehörlose spreche, ist es natürlich ganz wichtig zu sagen: Du machst jetzt ein Interview mit mir als einer hörenden Person; ich spreche natürlich nicht für taube Menschen. Taube Menschen können alles, auch bei einem Podcast dabei sein übrigens – dann eben mit Gebärdensprach-Dolmetscher. Also vielleicht ist das mal für die Jubiläumsfolge von „Wie ist die Lage?“, beim 300. oder 500., das man sagt: Probieren wir das mal aus, wie wird die visuelle Gebärdensprache eben durch Dolmetscher in ein Audio-Medium übertragen.

Lars: Finde ich eine super Idee. Verspreche ich dir, werden wir probieren und machen. Sag mal, gefühlt ist ja Deutsch und Österreichisch zu 90% identisch, aber ihr müsste ja schon eure Seminare ein wenig unterscheiden, weil wir ja hier zum Brötchen Brötchen sagen und ihr Semmeln? In Bayern sagt man Fleischpflanzerl, wie heißt eine Frikadelle in Wien?

Andreas: Das ist ein Faschiertes Laiberl. Das tut man in eine Semmel zum Beispiel.

Lars: Ah, ja siehste, die 10% habt ihr jetzt umschreiben lassen? Nicht dass ihr den deutschen Gehörlosen hier Österreichisch beibringt und sie trotzdem nicht vorankommen.

Andreas: Genau, das ist alles auf Deutschland ausgerichtet. In der Schriftsprache besteht da ein Unterschied von nur zehn Prozent zwischen Österreichisch und Deutsch. Bei uns heißen die Stühle Sessel und ein Schrank heißt Kasten, das unterscheidet sich je nachdem wo man ist. In der Gebärdensprache ist das tatsächlich sehr viel mehr anders. Da decken sich nur ungefähr 40 Prozent der Vokabeln zwischen Österreichischer und Deutscher Gebärdensprache, weil sie eben nicht eine Eins-zu-eins-Wiedergabe der geschriebenen Sprache ist, sondern sich auch historisch unterschiedlich entwickelt hat. Deutschland hat beispielsweise gewisse Parallelen zu Polen, Österreich hängt eher an der französischen Gebärdensprache, wie auch die Amerikaner. Die Briten machen wieder ihr ganz eigenes Ding. Sie haben sogar im Finger-Alphabet, mit dem man Fremdsprachen und Eigennamen buchstabiert, machen sie es ganz anders, da brauchen zwei Hände, während wir in Europa etwas effizienter sind und nur eine benötigen. Die Unterschiede sind also wie gesagt wirklich größer, aber all das, was wir vorbereitet haben, ist mit deutschen Gehörlosen, mit deutschen Expert:innen und Pädagog:innen auf den deutschen Markt abgestimmt. Es sind ja auch Gebärdensprach-Video Teil von dem was wir anbieten den Partnern, und die sind natürlich alle in DGS (Deutscher Gebärdensprache) und nicht ÖGS (Österreichischer Gebärdensprache).

Lars: Viele soziale Gruppierungen wurden in der Pandemie ja noch mehr an den Rand gedrängt, weil jeder ja mehr oder weniger ums Überleben gekämpft hat, nicht nur wirtschaftlich. Wie ist das denn bei den Gehörlosen? Habt ihr auch eine schwindende Lobby bemerkt?

Andreas: Grundsätzlich ist es natürlich oftmals so, dass erst mal an die Allgemeinbevölkerung gedacht wird und Spezialgruppen dann immer etwas später kommen. Für Gehörlose war in bissl das Thema das Mund-Nasen-Schutz, der Maske, weil das Lippenlesen schwieriger wird. Das wurde in den Medien teilweise auch sehr stark berichtet. Da dachte man sich dann fast schon: „Ja gut, das ist ein kleiner Punkt, aber es gäbe auch viele andere Sachen.“ Zum Beispiel hätten wir ganz gerne, dass eine Corona-Pressekonferenz auch direkt in Gebärdensprache gedolmetscht wird, damit Gehörlose den Zugang zu den Informationen zum gleichen Zeitpunkt haben wie alle anderen auch, damit man nicht bis zu den gedolmetschten Abendnachrichten warten muss. Da hat sich, würde ich sagen, aber etwas zum Positiven verändert. Auch international sieht man immer mehr Gebärdensprach-Dolmetscher im Fernsehen, gerade bei gerade bei Pressekonferenzen zu Corona und ähnlichem. Ich glaube, das hat auch noch zu etwas mehr Bekanntheit der Gebärdensprache bei hörenden Menschen geführt, sodass auch immer mal wieder gefragt wird, wo man das lernen kann.

Lars: Spürst du denn im Rahmen der Zusammenarbeit Unterschiede zwischen Hamburg und Wien oder zwischen Deutschland und Österreich?

Andreas: Ja, kann man schon spüren, aber ich selbst bin ja eine quasi hybride Person, also ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, halb Norddeutschland und halb NRW, aber dann vor vielen Jahren nach Österreich gezogen. Das heißt, es ist mir beides noch vertraut, und ich meistens noch richtig hin-und-her schalten kann und weiß meistens noch, ob ich Brötchen oder Semmel sagen muss. Und wie direkt ich mit jemandem sein oder eben nicht, oder auf welche Art von Direktheit. Aber natürlich ist es auch so, dass das was wir mitbringen mit dem equalizent Social Franchise auch einen Kulturwandel im Unternehmen bedingt. Dass man eben wirklich sagt: Gebärdensprache ist wichtig. Alle die in diesem Bereich, im equalizent Kompetenzzentrum arbeiten, müssen Gebärdensprache können, auch die Hörenden, die dort arbeiten. Das ist eben ganz wichtig, denn wir sagen, das ist die beste Möglichkeit für taube Menschen Bildung anzubieten: In ihrer Erstsprache, in Gebärdensprache, nicht irgendwie zeitverzögert über Dolmetsch. Es sind Schulungen in denen die Teilnehmenden gehörlos sind, und diejenigen, die die Schulungen durchführen, die Trainer:innen, können alle Gebärdensprache. Meist sind es eine gehörlose und eine hörende Person. Das nennen wir unser Tandem. Die gehörlose Person ist ein Vorbild für die gehörlosen Teilnehmenden, kennt und versteht die Welt und Probleme der Gehörlosen. Die hörende Person bringt ein bisschen die Perspektive der Mehrheitsgesellschaft, der hörenden Welt rein. Die braucht man ja auch, wenn man dann später einen Job hat wo höchstwahrscheinlich die Chefin, der Chef ja auch hörend ist.

Lars: Total interessante Einblicke, lieber Andreas, aber wir müssen auch zum Ende kommen. Wo wir schon über Unterschiede sprechen, kommen wir zur Rubrik „Top 3“. Welche drei Dinge hat Wien, die Hamburg nicht hat?

Andreas: Puh. Mein Platz 3. Da würde ich sagen: ein equalizent Zentrum für gehörlose Personen – aber eben bisher. Das startet jetzt und dann verändert sich das. Platz 2 würde ich sagen: Ballkultur. Wien hat sehr viele Bälle und viel Tradition – vom eher traditionell-spießigen Opernball bis zum bunten Diversity Ball, bei dem wirklich Diversity in allen Facetten, von LGBT, blind, gehörlos, Rollstuhl, Herkunft, alles durch, gelebt. Das hat glaube ich in Hamburg nicht so Tradition, dass man da so eine ganze Saison hat?

Lars: Joah, ja, eingeschränkt. Ehrlich gesagt interessiere ich mich auch nicht so für Bälle, mehr für Fußball, aber tatsächlich ist unser Neujahrempfang Ahoi, würde ich jetzt nicht als Ball bezeichnen, aber ansonsten hätten ich jetzt den Finger gehoben, weil mit Ahoi haben wir schon eine tolle Veranstaltung. Aber es gibt durchaus schon noch ein paar. Die Jura-Leute werden jetzt den Finger heben und dann gibt’s den Ball über den Wolken und so weiter, aber ich glaube schon, dass da von der Qualität her Wien die Nase vorn hat. So, und jetzt noch die 1.

Andreas: Jetzt ist noch die Nummer 1. Ich habe überlegt, es ist etwas was für uns Wiener schon völlig normal ist, aber für andere vielleicht überraschend. In Wien, in der Donau, haben wir vor rund 30 Jahren eine 21km lange künstliche Insel aufgeschüttet, kreativerweise Donauinsel benannt. Das ist unser Naherholungsgebiet, unser Central Park sozusagen von Wien, wo man auch zum Baden hingeht. Das in dem Sinne gibt es hier wohl nicht, aber natürlich auch weil man in Hamburg eh schnell am Wasser ist und dann auch schnell an die Nordsee fahren kann und so und man es hier nicht so braucht.

Lars: Finde ich aber einen guten Ansatz, könnten die Stadtoberen ja mal darüber nachdenken. Lieber Andreas, herzlichen Dank für die tollen Auskünfte über equalizent, kann man nochmal nachgoogeln und bei Interesse sich natürlich bei euch melden. Ahoi.

Andreas: Ahoi.

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